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Friluftsliv

Powderfans, die dem quirligen Massentourismus der Alpen entfliehen möchten, finden an der Westküste Norwegens jede Menge unverspurte Bergflanken.

„Ut på tur – aldri sur”, ruft Tom, unser Bergführer, und zieht in gekonnt kurzen Schwüngen als Erster eine gleichmäßige Slalomspur in den unberührten Pulverschnee. „Da ist was dran, denke ich mir”, und zirkele meine Halbkreise direkt nebendran. Nach und nach fahren Jörg, Claudia, Barbara und Jonas fast schwerelos den Berg
hinunter. Jeder folgt seinem eigenen Rhythmus, jeder zieht seine eigene Spur und jeder ist vor allem richtig gut drauf! Und das bei diesem hundsmiserablen Wetter heute: „Oben schneit’s, im Tal regnet’s!”

Auf Regen folgt Sonnenschein: Regenbogen über Langevåg, Foto: Almut Otto

„Draußen auf der Tour – von schlechter Laune keine Spur”, lautet ein norwegisches Sprichwort, und das scheint im Land der Polarnächte und Mitternachtssonne besonders zu stimmen. Ob Regen, Schnee oder Sonnenschein – schon jetzt hat das facettenreiche Fleckchen Erde an der Westküste der skandinavischen Halbinsel jeden Einzelnen unserer internationalen Gruppe in seinen Bann gezogen.
Strandafjellet, das erst vor kurzem modernisierte Skigebiet in den Sunnmøre Alpen, gilt aufgrund seiner bisher unentdeckten Offpiste-Möglichkeiten, als DER Powdertipp in Norwegen. Der Strandberg bietet von seinem Gipfel einen spektakulären Blick auf die umliegenden Fjorde, die nach der letzten Eiszeit vor über 10.000 Jahren ihren Weg durch den 3.000 Meter dicken Eispanzer fanden. Doch nicht nur das: Neben 14 Abfahrten aller Schwierigkeitsgrade wartet das Skiresort mit einem fast unendlich scheinenden Variantenangebot auf! Wer sich die Mühe macht und auf die Gipfel steigt, kann von über 1.200 Metern Höhe bis auf Meeresniveau hinuntercruisen. Dabei ist der Abseitsfahrer noch nicht einmal an die Lifte gebunden.
Je nach Schneebedingungen wählt er die Route, wie sie im gefällt. Rechtzeitig per Handy geordert, wartet im Tal ein Shuttle-Taxi und bringt den Skifahrer in den Ort zurück. Wo bitte gibt es diese Flexibilität sonst noch auf der Welt?

Spektakulär: Per Boot zum Skifahren, Foto: Almut Otto

Wem diese Freiheit noch nicht genug ist, der chartert eines der auf Sail und Ski ausgelegten Fischer- oder Segelboote. Mit denen geht es dann durch die Fjorde bis zu einem der unzähligen – an die 1.700 Meter hohen – Gipfel, die zu einsamen Skitouren einladen. Auch wenn stets ein Guide dabei ist, sollte man die alpinen Gefahren nie aus den Augen lassen: Gute Kondition, passendes Equipment und vor allem ausreichend Erfahrung in puncto Lawinenlage sind für dieses Abenteuer Grundvoraussetzung! Die teilweise vier- bis fünfstündigen Aufstiege werden mit einmaligen Abfahrten auf menschenleeren Hängen und einem atemberaubenden Panorama aus majestätischen Bergen, verschlungenen Fjorden und in der Einöde stehenden, bunten Holzhäusern belohnt. Und das Beste: Jeden Tag gilt es, neue Gipfel und traumhafte Runs zu erkunden.

Mittagspause: Kapitän Steins Fischerboot im Hjørundfjord, Foto: Almut Otto

Da unsere Ski- und Sail-Tour leider wortwörtlich ins Wasser fällt – dafür gibt es Morgen wieder Powder satt – entschließe ich mich, mit Stein, unserem Käpt’n, eine mehrstündige Tour durch die faszinierenden Fjorde zu machen. Bevor es losgeht, schürt der Chef tatsächlich ein offenes Feuer auf seinem kleinen Fischerboot! Erst
wird Kaffee gekocht und dann Würstchen gegrillt. Es ist nicht zu übersehen, wie begeistert der Lokalmatador von seinem Land ist. Immer wieder deutet er auf Berge, die perfekte Skitouren versprechen, reißende Wasserfälle, die durch das Schmelzwasser noch verstärkt werden und idyllische Fischerörtchen in romantischen Buchten. „Try this”, sagt Stein nach einer Weile und reicht mir ein Stück Wurst, „it’s deer – I shot it the last days in the mountains.” Ich probiere das köstliche Hirschfleisch und muss bei meinen Gedanken innerlich schmunzeln: Der Jagdtrieb und das selbstverständliche Leben mit den Launen der Natur scheinen bei den Norwegern tatsächlich im Blut zu liegen. Ob Steins Vorfahren wohl Wikinger waren?

Stimmungsvoll: Im Vordergrund das Hafengebäude von Ålesund mit Blick auf die vorgelagerten
Inseln, Foto: Almut Otto

Infos

Anreise nach Fjord Norway mit der Lufthansa oder Scandinavian Airlines über Oslo oder Kopenhagen zum Flughafen Vigra, von dort fahren regelmäßig Shuttlebusse in das Stadtzentrum von Ålesund. Ab Ålesund geht es in einer Stunde per Skibus z.B. ins Stranda Skiresort oder per Sail & Ski in die Fjorde.
Beste Reisezeit ist von Februar bis Mai. Weitere Infos: www.visitnorway.com und www.fjordnorway.com
Stranda Ski Resort
Stranda gilt als der Geheimtipp für Offpiste- und Tourenfahrer. Doch es bietet auch Spaß für die ganze Familie: Es gibt sieben Lifte für 14 Abfahrten mit insgesamt 22 Kilometern, jede Menge Varianten, einen Snowpark, einen Flutlichthang, einen LVS-Park, sechs Loipen, einen Kinderspielplatz und drei Restaurants. In der Skischule vor Ort werden Ski- und Snowboardkurse für jedes Level angeboten. Skiguides stehen für Off-Piste-Touren für etwa 125,– Euro/Tag und Person gern zur Verfügung. Für nur 5,– Euro pro Person sammelt der örtliche Shuttleservice die Skifahrer auch an den entlegensten Orten wieder auf.
Stranda Ski Resort, Hevsdalen, 6200 Stranda, Norwegen,
T. 0047/(0)70/26 02 12, www.strandafjellet.no
Skischule und Skiguides, 6200 Stranda, Norwegen,
T. 0047/(0)70/26 02 12, skipost@strandafjellet.no
Taxi-Shuttle Service „Ingers Trans“, Norwegen, T. 0047/(0)40/45 13 33
Sail&Ski
Je nach Unternehmen werden von Februar bis Mai Sail- und Skiabenteuer z.B. rund um den Hjørundfjord und die Sunnmøre Alpen angeboten.
Actin AS: Das kleine Fischerboot bietet Platz für acht bis zehn Personen. Der Kapitän bereitet das Mittagessen nicht nur selbst zu, die Speisen sind sogar selbst gejagt oder gefischt. Übernachtet wird in Hotels oder Bungalows rund um Ålesund, Kosten ca. 250,– Euro pro Person/Tag, Actin AS, Steinvågveien 67, 6005, Ålesund, Norwegen, Stein Magne Hoff, T. 0047/(0)920/9 57 45, www.actin.no
Points North Charters: Luxuriös umgebautes Rettungsfahrzeug namens Elisabeth G. Geschlafen und gegessen wird an Bord. Kosten 3.000,– Euro/Woche (10-12 Personen), T. 0047/(0)90/79 28 34, www.pointsnorthcharters.com
Übernachtung
Radisson Blu Hotel, RS. Bullsgt. 7, 6002 Ålesund, Norwegen,
T. 0047/(0)70/16 00 00, www.radissonblu.com/hotel-alesund Quality Hotel
Waterfront, Nedre Strandgate 25-27, 6004 Ålesund, Norwegen,
T. 0047/(0)70/11 19 00, www.choice.no
Stranda Hotel, Almenningen 16, 6200 Stranda, Norwegen,
T. 0047/(0)70/26 90 02, www.strandahotel.no
Juvet Landscape Hotels, 6210 Valldal, Norwegen, T. 0047/(0)950/3 20 10, www.juvet.com

Kulinarisches
Matbuda. Eine Mischung aus exklusivem Lebensmittelshop mit heimischen Spezialitäten und Restaurant für bis zu 25 Personen ist das Matbuda. Unbedingt probieren: Lachs, Hirsch und diverse Soßen. Matbuda, Sjøgata AS 18, 6200 Stranda, Norwegen, T. 0047/(0)92/42 92 22, www.matbuda.no
Touristeninformation Ålesund, T. 0047/(0)70/15 76 00, www.visitalesund.com
Mit dem RIB-Boot zur Insel Runde
Ein Ausflug mit dem RIB-Boot macht Spaß! Durch einen Abstecher zur Insel Runde bringt er auch die Natur ein Stück näher: An den Felswänden der zum Teil unter Naturschutz stehenden Insel leben circa 500.000 Vogelarten. Darunter sind Papageientaucher mit ihren bunten Schnäbeln, die großen Raubmöwen, auch Skua genannt, die aus der Familie der Kormorane stammenden Krähenscharben, die kleinen Dreihzehenmöven und der als
„Stoßtaucher“ bekannte Basstölpel. Unbedingt ein Fernglas mitnehmen! Sehenswert ist zudem das internationale Forschungscenter Miljøsenter. Hier erfährt man neueste Erkenntnisse zur Klimaforschung und natürlich alles über
die auf der Insel lebenden Vögel. Übrigens wird Runde unter Tauchern auch Treasure Island genannt: In einem niederländischen Schiffswrack aus dem Jahre 1725 wurden jede Menge alte Münzen gefunden. Preis für einen RIB-Bootausflug ca. 100,– Euro/Person, RIB; 62 Nord, 0047/(0)70/11 44 30, www.62.no. Runde Miljøsenter, 6096 Runde, T. 0047/(0)70/08 08 00, www.rundecentre.no

Text: Almut Otto; Fotos: Almut Otto / divers

Dieser Artikel erschien im AllMountainMagazin 1/2013.