Recycling in der Outdoorbranche

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Wer in einen Altkleidercontainer von Pyua ausgediente Bekleidung wirft, darf sich sicher sein, dass diese recycelt wird. @ Pyua

Eine Outdoorjacke, die schon mal als PET-Flasche auf dem Berg war, eine industriell kompostierbare Schuhsohle und ein Orden für Umweltschutz von der Queen? – Die Branche denkt um. Weil sie muss!

„Es wird schwierig sein, Polyester-Kunststoffe zu ersetzen, denn die Vorteile überwiegen: Sie sind leicht, bruchsicher und vielseitig einsetzbar,“ erklärt Norbert Völl, Pressesprecher vom Grünen
Punkt. „Aber, sie sind schwer abbaubar. Deshalb ist es umso wichtiger, sie nach Verwendung sortenrein zu sortieren und zu recyceln.“ Oft spricht man auch vom downcyceln, da der vertretbare Aufwand im Aufbereitungsverfahren die Qualität wiederverwerteter Kunststoffe herab setzt. Nichtsdestotrotz können sich die Ergebnisse sehen lassen. So wird zum Beispiel aus alten PET-Flaschen entweder wieder eine Kunststoffflasche oder eben eine Outdoorjacke. Und obwohl Transportwege, Sortiermaschinen und Granulaterstellung aus gebrauchten Kunststoffen aufwendig sind, schneiden sie im CO2-Vergleich zur Produktion von neuem Granulat viel besser ab.

35 PET-Flaschen für eine Jacke

Der Bergsportspezialist Patagonia gehört zu den ersten Outdoorherstellern, die 1993 zusammen mit Textilproduzent Polartec Fleecejacken aus recycelten Misch-Polyester produzierten. Heute werden vor allem PET-Flaschen verarbeitet. Eine Herrenjacke in Größe L besteht beispielsweise aus circa 35 Plastik-Flaschen. Zur Wiederverwertung werden die Flaschen zunächst gespült, geshreddert, eingeschmolzen und dann zu feinen Fasern gesponnen. Diese wiederum werden verdichtet, zu Stoffen gewirkt und eingefärbt. Mittlerweile bieten zahlreiche Outdoormarken wie Fjäll Raven, Norrøna, RAB, The North Face, Vaude uvm. unterschiedlichste Produkte aus downgecyceltem Kunststoff an. Und: Ausgediente Funktionskleidung wird – sofern es keine Mischgewebe sind – der Wiederverwertung zurückgeführt.

Pfand und Kompostierung bei Outdoorprodukten

Besonders innovativ ist dabei das schwedische Unternehmen Klättermusen: Unter dem Recover-Label repariert es ausgediente Produkte, um sie in einem zweiten Lebenszyklus zurück auf den Markt zu bringen. Ist nichts mehr zu machen, haben die Waren Pfandlabel mit Werten von ein bis zwanzig Euro. Wer die Kennzeichnung in eine Verkaufsstelle des Herstellers bringt, erhält einen Gutschein für den Betrag. So wird dem Kunden auch bei ausrangierten Produkten der Wert eines Stückes plakativ bewusst.

Schuhhersteller Hanwag bietet mit der Composole eine – bei industrieller Kompostierung auf 70 Grad Celsius und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit – 100-prozentig abbaubare Schuhsohle für Berg- und Trekking-Schuhe an. Doch keine Sorge: Während des Outdooreinsatzes zeigt sie sich robust und widerstandsfähig.

Auch Abfälle und Restmaterialien aus Skiern sind zur Düngung zu gebrauchen: Amer Wintersports lässt sie in einem speziellen Verfahren zerkleinern und daraus Karbid gewinnen. Dies ist wiederum Grundstoff zur Düngemittelherstellung.

4th Queens Award für Nikwax

Vorbild in punkto Umweltschutz ist das britische Unternehmen Nikwax. Grund genug für die Queen, dem Hersteller für PFC-freie, wasserdichte Ausrüstung Ende April den 4th Queens Award zu verleihen. Diese Auszeichnung ist die höchste britische Ehrung für unternehmerischen Erfolg. „Wir müssen innehalten und über den Kraftstoff, den wir auf dem Weg zu unserem Spaziergang verbrauchen, nachzudenken; ebenso auch über die Energie und Rohstoffe, die zur Herstellung unserer schützenden Kleidung genutzt werden. Es könnte nämlich sein, dass wir unsere geliebten Berge zerstören,“ erklärte Nick Brown, Gründer von Nikwax, die umsichtige Motivation seines Unternehmens. „Das Auffrischen der Wasserdichtigkeit von Outdoorbekleidung bedeutet Nachhaltigkeit, denn so wird weniger Energie und Geld benötigt, als wenn das Equipment mit Neuem ersetzt wird. Und all das zählt für uns.“

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Recycling in der Outdoorbranche @Rab

Der Plasma Hoodie von Rab besteht im Obermaterial wie auch in der Füllung zu 100 Prozent aus recyceltem Polyester. Sogar Reißverschlussbänder und Garne wurden aus recycelten Komponenten hergestellt. Kordelstopper und Reißverschlusszähne kommen aus Bluesign-zertifizierter Quelle. (Foto: Rab)

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Recycling in der Outdoorbranche @Polartec

 

Im Jahre 2013 verarbeitete Polartec 658.000.000 Millionen Plastikflaschen zu Polartec Funktionsstoffen. 60 Prozent aller Stoffkategorien von Polartec bestanden im Jahre 2013 aus recyceltem Material.

 

Recycling in der Outdoorbranche - Polartec production facility and mill in Lawrence, MA.
Recyeltes Material von Polartec @Polartec

4-hanwag_composole_13 - Recycling in der OutdoorbrancheDie recycelbare Compo-Sohle gibt es derzeit bei drei Schuhmodellen von Hanwag. Selbstverständlich ist der gesamte Schuh nachhaltig konzipiert: Das Oberleder stammt aus zertifizierter Landwirtschaft und wird – wie auch das Futterleder – chromfrei gegerbt. Das Fußbett besteht aus Kork. (Foto: Hanwag)

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Die Weichmacher in den Gummistiefeln von Kamik basieren statt auf Erdöl auf abbaubaren pflanzlichen Ölen. Das Innenfutter ist aus recyceltem Polyester und der komplette Schuh kann nach Gebrauch zum Recyceln wieder eingesandt werden. (Foto: Kamik)

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Auch das gehört zum Recycling: Beim britischen Outdoorhersteller Nikwax wurden in 2013 71 Prozent des innerhalb der Produktionsstätte anfallenden Mülls recycelt. Ziel für 2014 ist die 80-Prozent Hürde zu erreichen. (Bild: Nikwax)

Recycling in der OutdoorbrancheMembranhersteller Gore stellte vor 20 Jahren Sammelcontainer im Handel auf, um bei Goretex-Jacken Textil und Membran zu trennen. Doch aufgrund mangelndem Interesse seitens der Kunden wurde das sogenannte Gore Balance Projekt wieder eingestellt. Heute konzentriert sich das Unternehmen darauf, einerseits Produktion, Beschaffung und Transport möglichst nachhaltig zu gestalten bzw. durch Pflegeanleitungen die Lebensdauer seiner Produkte zu verlängern. Denn auch ein langer Produktlebenszyklus sorgt für weniger Müll. Foto: Goretex

Infokasten

Der Rohstoff für die meist aus Polyester bestehenden, synthetischen Textilien ist Erdöl. Doch irgendwann ist Schluss! Laut aktuellen Prognosen wird das Ölfördermaximum spätestens im Jahre 2030, wenn nicht sogar schon viel eher, erreicht sein. Noch viel erschreckender in Zusammenhang mit Kunststoff ist jedoch die Erkenntnis, dass mit dem derzeit existierenden Plastikmüll die Erde erstens mittlerweile sechsmal umwickelt werden könnte und zweitens noch gar nicht bekannt ist, wie viel von den zum Teil giftigen Abfällen in unsere Nahrungskette gelangen. Grund genug also, die weitere Produktion weitgehend zu vermeiden und vorhandenes Plastik sortenrein zu trennen und zu re- bzw. downcyceln. Während es in den meisten Gebieten Deutschlands den gelben Sack gibt, in dem der gesamte Plastikmüll entsorgt werden kann, bestehen einige deutsche Gemeinden und Landkreise schon vorab auf sortenreine Sortierung von Mischkunststoffen, Plastikflaschen bis 1 Liter, Kunststoffbechern, Tetra Paks und großen Verpackungsfolien. Der Aufwand lohnt auf jeden Fall!

8-boote - Recycling in der OutdoorbrancheWerner Boote, Filmregisseur und Autor, u. a. vom Kinodokumentarfilm Plastic Planet (2009), über die Gefahren synthetischer Kunststoffe in ihren verschiedensten Formen und ihrer weltweiten Verbreitung (Foto: Werner Boote)

„Für den Film „Plastic Planet“ hat sich das gesamte Team des Films einem Bluttest unterzogen. Wir wollten wissen, inwieweit das Plastik in unserer alltäglichen Umgebung auch direkt Einzug in unsere Körper gehalten hat und damit unsere Gesundheit beeinträchtigt. Mit einem erstaunlichen Ergebnis: Jeder von uns hatte Substanzen wie Bisphenol A, Phtalate und Flammschutzmittel im Blutplasma. Diese besorgniserregenden Substanzen treten aus Kunststoffen aus und werden für Krebserkrankungen, Herzerkrankungen, Allergien und Unfruchtbarkeit verantwortlich gemacht. Eineinhalb Jahre später ließ ich mein Blutplasma erneut testen und es stellte sich heraus, dass ich aufgrund bewussten Konsums das Plastik in meinem Körper deutlichst reduziert hatte. Man kann also der Gesundheit durch gezielten Konsum etwas Gutes tun. Produkte, die mit unserer Haut in Berührung kommen, sollten generell nicht mit besorgniserregende Substanzen hergestellt werden, weil diese Chemikalien sogar durch die Haut in unser Hormonhaushalt eindringen.“

9-norbert_voell - Recycling in der OutdoorbrancheNorbert Völl, Pressesprecher vom Grünen Punkt, zur Frage, wie es sein kann, dass trotz Sortiermaschinen, mehrfachen Transportwegen und aufwändiger Verarbeitung recycelte Kunststoffe eine bessere CO2-Bilanz haben als neu hergestellte Kunststoffe (Foto: Der Grüne Punkt): „Die Umweltbilanz eines möglichen Fahrtweges zu Verarbeitungsstätten fallen weniger ins Gewicht, als man allgemeinhin vermutet. Zum einen würden Containerschiffe, die Neuwaren aus Asien nach Europa bringen, sonst leer gen Heimat zurück fahren und außerdem werden immer mehr Flakes in Europa produziert, denn der asiatische Markt setzt mittlerweile selbst auf recyceltes Polyester.“

12-pyua_timo_perschke - Recycling in der OutdoorbrancheTimo Perschke, Geschäftsführer des umweltfreundlichen Outdoorlabels Pyua, bietet ganz bewusst ausschließlich recycelte und recycelbare Produkte an (Foto: Pyua):

„Pyua-Produkte sind zu 100 Prozent aus recyceltem Material. Wir haben mit der Textil Recycling K. & A. Wenkhaus GmbH und der FWS GmbH ein weltweit einmaliges System erarbeitet. Dafür werden Inhalte der Altkleidercontainer in sorgfältiger Handarbeit sortiert und zur Wiederverwertung zu neuen Produkten zugeführt. Was nicht mehr zu Garnen verarbeitet werden kann, landet z. B. im Straßenbau. Stolz sind wir zudem auf die eigens entwickelte Laminat-Technologie Climaloop. Nicht nur der Herstellungsprozess ist zu 100 Prozent ökologisch korrekt, die Membran kann auch zu 100 Prozent recycelt werden.“

 

Text: Almut Otto Fotos: Hersteller, Video: Werner Boote

Dieser Artikel erschien in der Mountains4U 4/2014.

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